Kinder - Freilerner / SchulpflichtFreilernen. Aus Sicht einer Lehrerin

19/06/20220
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Freilernen.

Eine Lehrerin zieht ihr Resümé

Deutschland, Freilerner und die Schulpflicht

Deutschland ist ein Land, indem Schulpflicht herrscht. Soweit so gut. Oder eben nicht gut. Für mich als 4-fache Mama war nicht immer klar, dass meine Kinder nicht regulär die Schule besuchen sollen (oder gar den Kindergarten). Als Lehrerin (eigentlich meine Berufung) sollte man ja davon ausgehen, dass es für mich nichts Wichtigeres für die kindliche Entwicklung gäbe, als den Besuch des Kindergartens und der Schule. Denn, wie ich dachte, lernt ein Kind im Kindergarten und vor allem in der Schule nicht nur die Kulturtechniken wie Rechnen, Lesen und Schreiben, sondern auch „soziale“ Fähigkeiten und Fertigkeiten, die es unbedingt für sein späteres Leben und vor allem Berufsleben brauchen wird.

Fremdbetreut und weit weg vom Freilernen.

Unser 1. Kind steckten wir mit 1 1/2 Jahren in den Kindergarten (Ich musste/wollte ja unbedingt wieder arbeiten).  Auch unser 2. Kind besuchte den selben Kindergarten schon mit 1 Jahr! Zugeben der Kindergarten, eine Waldorfeinrichtung, war sehr schön und wir fühlten uns dort gut aufgehoben, allerdings betrachte ich den Besuch im Kindergarten im Nachhinein als viel zu früh. Ich weiß, dass es Eltern gibt, die keine andere Wahl haben (oder vielleicht doch?) und ziemlich früh auf eine Fremdbetreuung für ihr Kind angewiesen sind. In unserem Fall wären wir es aber nicht gewesen, da wir finanziell nicht so aufgestellt waren, dass wir unbedingt wieder hätten arbeiten müssen. Es war der innere Druck, den ich von außen durch die Gesellschaft bekommen habe, der mir das Gefühl vermittelte, dass man als Mutter ja wieder schnell zurück ins Berufsleben muss.

Auf den Wohnort-wechsel folgte der Perspektiv-wechsel

Mit den Jahren und weiteren Kindern (und auch mit einem Wohnortwechsel und somit Besuch eines anderen Kindergartens) wurde ich irgendwie sentimentaler, wenn es darum ging, die Kinder in die Fremdbetreuung zu schicken. Ich war durch meinen Mutterschutz und Elternzeit eh daheim und hatte plötzlich das Gefühl, Zeit mit meinen Kindern zu verpassen.

Wo steht geschrieben, dass Kinder so früh abgegeben werden müssen?

Wir haben 4 Kinder, ein soziales Umfeld mit anderen Kindern. Ich betrachtete den Kindergarten irgendwie als eine Einrichtung, die meine kleinen Kinder wegnimmt, formt, erzieht und so in die Erziehung eingreift, wie ich es mir nicht für meine Kinder wünsche.

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Reisen mit Kindern, Freilernen und Strukturen

Durch das viele Reisen und die dadurch ständigen Unterbrechungen des Kindergartenbesuches fiel es mir immerzu schwerer meine Kinder abzugeben. Ich verließ mich also auf mein Bauchgefühl und ließ die Kinder daheim. Im Nachhinein war dies die beste Entscheidung. Unsere Kinder durften also seitdem mit uns „daheim“ oder auf Reise sein. Sicherlich benötigen Kinder auch hier diverse Abläufe und Strukturen, um sich sicher zu fühlen und entfalten zu können, speziell auch auf Reisen achten wir darauf, unseren Kindern feste Abläufe und Rhythmen zu geben, damit sie sich geborgen fühlen und wachsen können. Durch den Reisealltag (Heute hier, morgen dort..) haben Kinder auf Reisen nämlich ganz schön viel zu verarbeiten. Umso mehr achten wir darauf, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen und ihre Bedürfnisse wahrzunehmen, was zugegebener Weise oft nicht einfach ist (denn 4 Kinder und auch die Erwachsenen haben viele Bedürfnisse, die gestillt werden wollen).

Wieso schreibt eigentlich jemand vor, wann Kinder in die Schule gehen müssen?

Es ist absolut nicht kindgerecht, so viele Kinder in einem ähnlichen Alter in einem Raum zu versammeln und von allen den gleichen Stand der Interessen, Entwicklungen, Neigungen und Begabungen abzuverlangen. Da nützt es auch nichts Kinder einen Stempel aufzudrücken, damit er oder sie an einer speziellen Schule (und ich meine nicht nur die einzelnen Förderschulen, auch Hauptschule oder Gymnasium sind hierbei erwähnt) unterrichtet wird und etwas lernen soll.
Jedes Kind ist anders, hat andere Interessen, lernt schnell, langsam auf diesem oder jenem Wege. Dies wird in der Schule einfach nicht gesehen.

Schulpflicht macht Spaß. Meistens nur kurz.

Die Kinder kommen mit Freude in die Schule, binnen 6 Wochen (meistens kippt die Stimmung mit den 1. Herbstferien) verlieren sie den Spaß am Schulbesuch. Und das ist absolut nachvollziehbar, denn wenn die Kinder alle zur gleichen Zeit mit dem gleichen Unterrichtsstoff zielgleich unterrichtet worden sind (weil irgendwer dies mal in den Unterrichtsrichtlinien festgehalten hat), verliert der ein oder andere eben den Spaß an der Schule. Auf Knopfdruck lernen, funktioniert eben bei den wenigsten Kindern. Durch Druck und Macht fügen sich die Kinder aber ihrem Schicksal und durchlaufen Jahre um Jahre (ihre wichtige Kindheit) dieses Schulsystem, in der Hoffnung mit möglichst guten Ergebnissen, Noten, Bewertungen und Zeugnissen ins Erwachsenenleben zu starten.

Darf man die Schulpflicht in Frage stellen?

Als ich mit 16 Jahren Schulsprecherin an meiner damaligen Schule war und eine Rede zur Abschlussfeier halten durfte, staunten einige nicht schlecht, als ich die Rede mit: „Ich möchte den heutigen Tag nutzen, um die allgemeine Lehrerpädagogik und das deutsche Schulsystem in Frage zu stellen“, begann. Normalerweise werden die Abschlussfeiern immer auf Video festgehalten. In diesem besagtem Jahr sieht man mich also zum Rednerpult gehen und dann, wie ich wieder das Rednerpult verlasse…
Was soll uns das sagen?

Schulischer Selbstwert

Im Grunde genommen spricht ja nichts dagegen, dass man im Laufe seines Lebens Dinge wie Lesen, Schreiben, Rechnen etc. lernt. Die Frage ist ja nur: Wie? Mit welchem Zweck? Warum wird man so vom Schulsystem verbogen? Braucht man diese ganzen Unterrichtsinhalte wirklich? Dieser Fragenkatalog scheint hier endlos weitergeführt werden zu können. Am schlimmsten finde ich aber, neben dem Abliefern des Unterrichtsstoff, jedoch die Sache, dass man sich, wenn man nicht Quotenbester ist, während seiner ganzen Schullaufbahn nie richtig gut oder genug fühlt. Es gibt ständig Vergleiche, wer in welchem Fach besser ist, eventuell fragen Eltern einen, warum es wieder nur für eine 2- gereicht hat. Will man wirklich, dass seine Kinder so eine Laufbahn haben sollen?

Freilernen und Selbstbestimmung

Ich möchte für unsere Kinder ein freies selbstbestimmtes Leben, in dem sie sich gut und wertgeschätzt fühlen, sich aus freien Stücken bewegen und Lernen dürfen, wann sie wollen. Ich glaube, dass das Leben oft genug mit Misserfolgen, schlechten Gefühlen oder negativen Erlebnissen verbunden ist und dementsprechend möchte ich, dass unsere Kinder diesen Dingen stark begegnen können.

Mit mangelhaften Noten zur Lehrerin

Ich habe seit meinem 18. Lebensjahr an diversen Schulen (Förderschulen, Grundschulen, Berufsschulen) gearbeitet und konnte somit die unterschiedlichsten Schülerschaften, Unterrichtsrichtlinien und Unterrichtsformen kennenlernen. Als ich in der 10. Klasse mit fünf mangelhaft Noten auf dem Halbjahreszeugnis so da stand, hätte wohl niemand geglaubt, dass ich mal mein Abi mit einem Notendurchschnitt von 1,5 machen werde und Diplom Heilpädagogik und Sonderpädagogik auf Lehramt studiere. Hört sich nach Bestnoten an, waren es auch, aber nur weil ich so Lust darauf hatte. Ich wollte es plötzlich jedem und vor allem mir beweisen, dass ich nicht nur so mittelmäßig in der Schule zurecht komme. Schon verrückt, was das Schulsystem mit einem machen kann. Und im Grunde interessiert es heute niemanden, wo ich die guten Noten hatte. Es ist auch ziemlich egal, denn das Einzige was zählt, war, dass ich zum damaligen Zeitpunkt etwas gefunden hatte, was mir so Spaß machte, dass ich die Beste darin war.

Gründe fürs Freilernen

Warum ich dann heute als Lehrerin darüber schreibe, warum es für mich nicht in Frage kommt, meine Kinder auf eine herkömmliche Schule zu schicken?
Na genau aus diesem Grund!
Ich möchte nicht, dass meine Kinder in diese missliche Lage kommen müssen, dass man irgendwem etwas beweisen muss und mit Bestnoten abschließen muss, um gut genug zu sein. Ob man den Abschluss nun mit 1 oder 4 in der Tasche hat ist nicht wichtig. Wichtiger ist es, etwas für sich zu finden, worin man aufgeht, eine Leidenschaft für entwickelt, mit Freude dabei ist (das war für mich dieses Lehrerding). Und das Schöne ist, es muss ja nicht einmal etwas sein, was man bis zu seinem Lebensende machen muss. Der Mensch verändert sich im Laufe des Lebens, entwickelt Neigungen und Vorlieben oder Interessen. Ich konnte mich beruflich (wegen meiner Berufung) immer weiter entwickeln, wenn mir etwas zu fad, anstrengend oder öde war. Und ich glaube, das ist es, was wir unseren Kindern wünschen. Eine Aufgabe, die sie mit Glück und Freude erfüllt, solange sie dafür Zeit und Lust haben.

Interessen finden und ausleben

Freilernen bedeutet für mich nicht nur ein freies Lernen fern ab vom Schulsystem. Beim freien Lernen findet das Kind über seine Interessen, Neigungen, Begabungen, Hobbies, Leidenschaften, Berufung heraus, was Freude macht, gut tut, was anspornt, was einen wachsen lässt. Und dabei ist es völlig egal, ob das Kind mal in der Schule war oder temporär die Schule besuchen mag. Freilernen ist ein Prozess, der sich stets entwickelt. Dieser Weg ist ein sehr lohnenswerter Weg, da man auf Augenhöhe und im Vertrauen seinem Kind begegnet und dem Kind bei einem für ihn sinnhaftes Handeln und Sein, begleiten darf.

Ich bin Inga, Bloggerin bei Vanlife Universe,

(Diplom Heilpädagogin, Lehrerin für Sonderpädagogik und war zuletzt in der Erwachsenenbildung tätig).

Ich begleite dich und deine Familie gern bei den Fragen über das Reisen mit der Familie,

Mein Schwerpunkt liegt bei den Themen: Freilernen und alles, was sich darum dreht.

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